Beitrags-Archiv für die Kategory 'Philosophische Betrachtungen'

Mensch und Komplexität – Warum wir Fehler machen

Samstag, 13. Juni 2009 14:08

Diesmal kein Bericht von mir, sondern von Prof. Dr. Jürgen Tausch – er spricht mir aus der Seele. Leider ist Prof. Dr. Jürgen Tausch am 22. Januar 2009 verstorben.

Das Verhalten des Menschen in komplexen Situationen –
Warum wir Fehler machen

(Mit freundlicher Genehmigung von Frau Tausch – Prof. Dr. Jürgen Tausch)

Wenn jemand sagt, wir leben heute in einer komplexen Welt, mit mannigfachen Wechselbeziehungen, die bei der Bewältigung von Problemen berücksichtigt werden müssen, so findet niemand etwas Besonderes an dieser zur Alltagsweisheit gewordenen Aussage. Das Leben des Menschen in komplexen Systemen ist jedoch – historisch gesehen – erst von kurzer Dauer. Im größten Teil der langen evolutiven Entwicklung des Menschen waren unsere Vorfahren eingebettet in einfache, überschaubare Umweltbedingungen und ihre Handlungen z.B. als Jäger und Sammler hatten nur geringe ökologische Bedeutung. Für die Bewältigung ihrer Lebenssituation reichte im Wesentlichen ein “Denkapparat“, der Aufgaben aufgrund von “Wenn-Dann-Beziehungen“ lösen konnte. Da diese Denkstrategie sich in der Evolutionsgeschichte des Menschen als vorteilhaft erwiesen hat, ist die Annahme berechtigt, dass dieses auch als „lineares Denken“ bezeichnete Denkmuster noch heute in unseren Genen verankert ist.

Demgegenüber sind die in unserer Zeit zu bewältigenden Lebenssituationen durch eine rasante Entwicklung der Zivilisation immer komplexer und damit weniger durchschaubar geworden. Wer hätte schon beim ersten Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln daran gedacht, dass diese Schadstoffe sich in Flüssen und Meeren oder gar in der Muttermilch anreichern würden. Dieses und viele andere Beispiele sind ein Indiz für unsere Neigung, auf eine bestimmte konkrete Situationen mit einer nur darauf bezogenen Maßnahme zu reagieren, ohne die Neben-, Folge- oder Fernwirkungen zu bedenken und in das Handeln einzubeziehen. Gefordert wäre hier vor allem Denken in Ursache-Wirkungs-Netzen und nicht lineares Denken. 

Vernetztes Denken fällt uns jedoch vermutlich aufgrund unzureichender genetischer Vorgaben sowie diesbezüglicher mangelhafter Ausbildung und Erziehung besonders schwer. Will man derartige „Denkgewohnheiten“ ändern, d.h. verbessern, müsste man zunächst genauer wissen, durch welche Faktoren menschliches Entscheidungsverhalten angesichts von Komplexität und Unbestimmtheit beeinflusst wird und wie dabei Denken, Lernen, Einstellungen und Emotionen zusammenwirken. DÖRNER u.a. (DÖRNER 1975, 1979, 1982, 1989; DÖRNER u. REITHER 1978; DÖRNER et al. 1983; DÖRNER u. KAMINSKI 1987) haben seit Anfang der 70er Jahre eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe in der Zwischenzeit aufschlussreiche Erkenntnisse gewonnen wurden.

Ausgangspunkt der Untersuchung war die Computersimulation komplexer Wirklichkeiten, z.B. Entwicklungsländer, Betriebe, Kleinstädte etc. Obwohl die entsprechend programmierten Rechner nur grobe Abbilder der Realität liefern, kann man Versuchspersonen in solchen “als-ob-Realitäten“ z.B. als Bürgermeister planen und agieren lassen. Seine Entscheidungsbefugnisse betreffen z.B. Steuern, Löhne, Wohnungsbau, Ansiedlung einer Fabrik, Gesundheitspolitik u.a. Die Versuchspersonen müssen also mit einem merkmals- und beziehungsreichen, dynamisch sich entwickelnden System umgehen, das ihnen teilweise unbekannt und undurchsichtig ist. Beschließt der Bürgermeister Maßnahmen, so werden diese dem Computer zugeliefert, der zugleich die Rückmeldung über den Effekt der Maßnahmen liefert usw.
Der Vorteil dieser Untersuchungsmethode besteht insbesondere darin, dass die Ausgangsbedingungen für alle Versuchspersonen einheitlich sind und damit eine breite Basis für allgemeine Aussagen bezüglich des Verhaltens in komplexen Situationen erreicht wird.

Die Fülle der bisher gewonnenen Erkenntnisse soll durch einige Beispiele belegt werden.

  • Richtlinien zum Handeln aus globalen Zielen abzuleiten fällt dem Menschen schwer, weil es an der Fähigkeit mangelt, zuvor klar definierte Teilziele zu beschreiben. Die meisten Versuchspersonen handeln nämlich nach dem sogenannten “Reparatur-dienstprinzip“. Dabei wird das betreffende System auf Missstände hin abgesucht. Findet man zufällig eine Fehlerquelle, versucht man diese zu beseitigen und gibt sich damit zufrieden. Dieses Verhalten ähnelt in etwa dem eines Anfängers im Schachspiel, der primär darauf bedacht ist, die eigenen Figuren nicht zu verlieren und möglichst viele Figuren des Gegners zu schlagen. Obwohl dieses Ziel insgesamt gesehen richtig ist, ist es ohne ein gut durchdachtes Konzept, das auch die Folge-, Neben- und Rückwirkungen der eigenen Züge mit einbezieht, gegen einen erfahrenen Gegner nicht zu erreichen.

Der Vergleich mit dem Schachspiel zeigt nun zugleich an, auf welchem Wege Verbesserungen möglich sind. Der Unterschied zwischen guten und weniger guten Schachspielern beruht allerdings nicht nur auf unterschiedlichen Trainingsbedingungen, sondern steht in deutlicher Beziehung zu bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen. Kehren wir zum Computersimulationsexperiment zurück, so wird diese Aussage durch folgende Ergebnisse belegt:

  • Versuchspersonen, die gut mit komplexen Systemen umgehen können, verfügen über allgemein anwendbare Schemata, mit deren Hilfe sie fast jedes System ordnen können. Eine solche Strukturidee ist z.B. der Regelkreis, der bei der Hypothesenbildung zur Erfassung eines unbekannten Realitätsbereiches sehr hilfreich sein kann.
  • Wer über derartige Ordnungsprinzipien verfügt, neigt auch dazu, einen Sachverhalt immer als Teil eines umfassenderen Sachverhalts zu betrachten. Wer z.B. häufig mit ökologischen Zusammenhängen zu tun hat, bewertet einen wahrgenommenen Fisch eher als mögliches Element einer Nahrungskette und weniger nach Gesichtspunkten zoologischer Systematik.
  • Gute Versuchspersonen scheuen nicht die Konfrontation mit neuen, unbekannt und unkontrolliert wirkenden Situationen, während diese bei schlechten Versuchspersonen eher Angst und Fluchttendenzen auslösen. Im Experiment neigen solche Personen zum Verharren in Kleindetails, zu schnellem Themenwechsel oder zum Abschieben der Verantwortlichkeit.
  • Hilflosigkeit in komplexen Situationen äußert sich nicht selten in sog. „Notfallreak-tionen“. Sie finden ihren Niederschlag in beinahe rabiaten Entscheidungen, die ohne hinreichende Analyse der Bedingungen zustande kommen, aber in der Hoffnung getroffen werden, die große Wende herbeizuführen. So wurde z.B. das restliche Kapital einer Kleinstadt in eine überdimensionale Werbekampagne für Fremdenverkehr und die Errichtung von Hotels investiert, ohne die Nachfrage geprüft zu haben.

Eine andere grobe Fehlerquelle bei der Erfassung von komplexen Systemen ist die Einordnung von Zeitabläufen. Die meisten Versuchspersonen halten den augenblicklichen Zustand einer Variablen für besonders wichtig, obwohl deren Entwicklung wesentlich bedeutsamer ist. Hat eine Firma z.B. zu einer gegebenen Zeit ein Kapitel von 2 Millionen DM, so besagt das wenig. Wichtig wären Daten über den Kapitaltrend. Je nach dem, ob das Kapital vor einem Jahr noch 10 Millionen DM betrug oder die Firma verschuldet war, gewinnt die Zahl von 2 Millionen DM eine andere Bedeutung. Solche Trends richtig einzuschätzen – insbesondere wenn diese exponentiell verlaufenden Entwicklungen folgen – macht den meisten Menschen große Schwierigkeiten. Dabei sind derartige “Wachstumskurven“ nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel, wie ökonomische und ökologische Systeme hinreichend deutlich machen.

Diese geringe Fähigkeit zum Umgang mit nicht linearen Zeitabläufen lässt sich auch im psychologischen Experiment als allgemeines Phänomen beobachten und belegen, dass wir dazu neigen, exponentielle Wachstumsverläufe zu unterschätzen. DÖRNER (1989, S.168) beschreibt folgendes Beispiel: „Wir gaben Versuchspersonen den Auftrag, eine Wachstumsrate von 6 Prozent über 100 Jahre zu schätzen. Dieser Auftrag war in der Form folgender Instruktion verkleidet:

Die Leitung eines kleinen Traktorenwerkes meint, dass 6 Prozent jährliches Wachstum der Produktion notwendig ist, um auf die Dauer die Existenz der Unternehmung zu sichern. 1976 wurden 1000 Traktoren hergestellt. Schätzen Sie einmal, ohne viel zu rechnen, wie viel Traktoren das Werk jeweils in den Jahren 1990, 2020, 2050 und 2080 herstellen muss, damit die Wachstumsrate erreicht wird.“

Die mittleren Schätzwerte lagen bei 2200, 5000, 9500 und 15000. Die Berechnung der tatsächlich notwendigen Produktion lässt sich mit folgender Formel berechnen:

0001.jpg

Den tatsächliche Verlauf des Wachstums veranschaulicht die nachfolgende Tabelle:

0004.gif
 
Man sieht, dass die Versuchspersonen sich stark verschätzen und dass die Schätzwertfehler mit der Zeit immer größer werden. Ähnliche Fehler machen wir Menschen bei vergleichbaren Experimenten, wie sie in der Sendereihe Quarks & Co des WDR vom 14.01.98 vorgestellt wurden:

Die Zinsfalle
Besonders schwierig wird es bei den Zinsen. Beispiel:
Sie leihen sich 100.000 € von der Bank: Die möchte aber 10 % Zinsen pro Jahr. Frage: Wie hoch ist die verbleibende Schuld, wenn Sie fünf Jahre lang Monat für Monat 1.000 € zurückzahlen?

39.000 €
47.000 €
65.000 €
87.000 €

N0002.jpgAbb.43: „Die Rechnung“

Die Restschuld liegt nach fünf Jahren noch immer bei 87.000 €. Die nebenstehende Grafik verdeutlicht es: Sie haben also in diesen fünf Jahren 60.000 € bezahlt. Trotzdem schulden Sie Ihrer Bank immer noch 87.000 €, denn 47.000 € hat die Bank an Zinsen bekommen- fast 80% des Geldes!
Vorsicht also bei Kreditangeboten- unser gesunder Menschenverstand täuscht uns da schnell. Übrigens: 1,8 Mio. Haushalte in Deutschland sind so überschuldet, daß sie ihre Schulden nur mit weiteren Krediten abbezahlen können.
 
Die Vollbremsung
Wie sehr wir unserem gesunden Menschenverstand misstrauen müssen, zeigt das folgende Beispiel:
zwei Autos fahren in der Stadt. Eins der Autos fährt 50 km/h, das andere 70 km/h. Das schnellere Auto überholt das langsamere, und als beide gerade mit den vorderen Stoßstangen auf gleicher Höhe sind, blockiert ein LKW die Straße. Der langsamere Wagen macht eine Vollbremsung und kommt 1 cm vor dem LKW zum Stehen. Wie schnell ist der schnellere Wagen, der ebenfalls eine Vollbremsung gemacht hat, zu diesem Zeitpunkt?

30 – 40 km/h
40 – 50 km/h
60 km/h

Die Geschwindigkeit beträgt 60 km/h. Die Ursache dafür: fährt jemand doppelt so schnell wie jemand anderes, dann verdoppelt sich sein Bremsweg nicht, sondern vervierfacht sich. Das ist auch der Grund dafür, dass der schnellere Wagen am Anfang so wenig Geschwindigkeit verliert. Erst auf den letzten Metern seines Bremsweges wird er deutlich langsamer. So können ein paar Meter darüber entscheiden, ob es überhaupt nicht oder richtig kracht.

Chef, ich brauche mehr Geld
Bestimmte Fehler sind praktisch in uns eingebaut: zum Beispiel beim Umgang mit Zahlen. Wir vertrauen auf unseren gesunden Menschenverstand- und liegen leider völlig falsch. Das wird deutlich bei einem kleinen Experiment. Stellen Sie sich vor, Sie bewerben sich und bekommen einen neuen Job. Sie sitzen nun im Zimmer des Personalchefs und verhandeln mit ihm über Ihr Gehalt. Er bietet Ihnen zwei Alternativen an:
• (A) Ein Jahresgehalt von 40.000.- € und jedes Jahr gibt es 1.000.- € mehr.
• (B) Ein Jahresgehalt von 40.000.- € und jedes halbe Jahr mehr Geld, aber nur 250.- €

Bitte entscheiden Sie!

Wenn Sie (A) gewählt haben, haben Sie sich wie die meisten Menschen in dieser Situation entschieden- und fahren damit schlechter. Damit Sie besser vergleichen können, haben wir ein Jahr in jeweils zwei Halbjahre getrennt.

N0003.jpgAbb.44: die Rechnung

Bei Alternative A erhält man im ersten halben Jahr 20.000 Euro, im zweiten halben Jahr ebenfalls 20.000 Euro, zusammen 40.000.- €. Im zweiten Jahr erhält man im ersten Halbjahr 500.- € mehr und auch im 2. Halbjahr- zusammen also 41.000.- €.
Bei Alternative B erhält man nach einem halben Jahr 250.- € mehr, hat also am Ende des ersten Jahres 250.- € mehr als bei Alternative A. Im zweiten Jahr erhält man im ersten Halbjahr wieder 250.- € mehr, also 21.500.- € wie bei Alternative A; im zweiten Halbjahr aber wird das Gehalt schon wieder aufgestockt, so dass man auch jetzt 250.- € plus macht. Und so geht das jedes Jahr weiter.

  • Die Bevorzugung linearer Denkmuster und eine schlecht ausgebildete Fähigkeit zur Analyse von Zeitreihen sind also die Hauptfehlerquellen, mit denen man beim Handeln in komplexen Situationen rechnen muss (vgl. auch DITFURTH 1985; D. NEUMANN 1993; LÜPERTZ u. WEBER 1993). Es gibt allerdings individuelle Unterschiede. Manche Personen in dem oben beschriebenen Experiment verbesserten sich erheblich, andere wiederum schafften dies nicht. Dies zeigt auch, dass Mängel im diesbezüglichen Denken nicht unausweichlich festgeschrieben sind. Selbst wenn diese ausschließlich auf einer genetischen Grundlage beruhen würden, ist eine Veränderung durch Lernen möglich, was nicht bedeutet, dass das leicht möglich ist und tatsächlich vielen Menschen gelingt. Das gleiche gilt, wenn man davon ausgeht, dass die genannten Mängel hauptsächlich auf einseitiges Training der linken menschlichen Gehirnhemisphäre durch unser Erziehungssystem zurückzuführen sind (vgl. WINDE 1981; ROTH 1994).

Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang, dass die Intelligenz der Versuchspersonen in keinem deutlichen Zusammenhang zu den Fähigkeiten im Umgang mit komplexen Systemen steht. Nicht minder bedeutsam ist die Feststellung, dass die Einstellungen und Überzeugungen sich viel weniger auf das tatsächliche Verhalten auswirken als man eigentlich erwartet. So stellte man z.B. erstaunt fest, dass “links-liberal“ eingestellte Versuchspersonen in der “Bürgermeistersituation“ bei der Verteilung von Löhnen und Gehältern keine Maßnahmen einbezogen, die verhinderten, dass die Gehälter der ohnehin schon gut Verdienenden absolut und prozentual stärker stiegen als z.B. die Löhne der relativ schlechter verdienenden Fabrikarbeiter, obwohl die Struktur des Systems dies durchaus zugelassen hätte.

Man mag alle diese in “Spielsituationen“ gewonnenen Erkenntnisse als realitätsfern ablehnen, es ist jedoch zu bedenken, dass gespielte Realitäten durchaus ernst genommen werden. Familienspiele wie “Mensch-ärgere-dich-nicht“ oder “Monopoly“ u.a. können – wie jeder weiß – leicht das Familienklima erheblich beeinträchtigen. Analoges konnte man bei den Versuchspersonen beobachten.

Es lassen sich aber auch direkte reale Lebensbezüge beschreiben, bei denen “mensch-liches Versagen“ entscheidend zum Misserfolg – bis hin zu tödlichem Ausgang – geführt hat. Das jedenfalls zeigen einige Analysen von Katastrophen. Drei Beispiele sollen der Erläuterung dienen.

Als vor nicht allzu langer Zeit ein Flugzeug zur Landung auf Miami ansetzte, stellten die Piloten fest, dass es Schwierigkeiten mit dem Ausfahren des Bugrades gab. Während man sich fieberhaft bemühte, den Defekt zu beheben, bemerkte die Crew nicht, dass die Maschine ständig an Höhe verlor. Aber der Höhenmesser war aus dem Blickfeld geraten und eine Reihe deutlich sichtbarer und hörbarer Warnsignale wurden ignoriert, weil die Crew auf das Problem mit dem Bugrad fixiert war. Als der Fehler nach ca. 4 Minuten bemerkt wurde, war es zu spät. Die Maschine stürzte ins Meer und 100 Menschen kamen ums Leben. Tragisch darüber hinaus: Das Fahrwerk funktionierte einwandfrei, nur die Glühbirne der Anzeige war defekt.

„Am 6.3.87, um 19.28 Uhr, kenterte die Fähre Herald of Free Enterprise vor der belgischen Küste. Die Untersuchung des Unglückshergangs brachte eine Reihe von Vorkommnissen ans Licht, die, für sich genommen, zumeist banal waren, aber auf unheilvolle Weise zusammenwirkten. Am Anfang der Ereigniskette standen Zeitdruck, Personalmangel und unklare Zuständigkeiten. Der Erste Offizier versäumte, das Schließen der Bugklappen zu überwachen, der Bootsmann, der ihr Offenstehen bemerkte, sah das Schließen nicht als seine Aufgabe an, und sein Stellvertreter, der dafür zuständig gewesen wäre, schlief nach Erledigung anderer Aufgaben in seiner Kabine. Der Kapitän ahnte nichts – erstens, weil ihm die Betriebsvorschrift nahe legte, sich nur um Gemeldetes zu kümmern, zweitens, weil es auf der Kommandobrücke keine Bugklappenanzeige gab. – Vielleicht wäre die Fähre trotz offener Bugklappen nicht gleich gekentert – wenn sie nicht vornüber im Wasser gelegen hätte: Weil die Laderampe konstruktionsbedingt und dann noch wegen Hochwassers zu niedrig war, hatte die Besatzung das Schiff buglastig getrimmt, und weil der Fahrplan drängte, waren die Ballasttanks vor dem Ablegen nicht geleert worden. – Dass beim Kentern der Fähre 192 Menschen ums Leben kamen, ist insbesondere der mangelhaften Notfallausrüstung zuzuschreiben: Die Rettungswesten waren nicht nur schwer zu handhaben, sondern teilweise sogar weggeschlossen – aus Angst vor Vandalismus“ (ROMBERG 1996, S.19).

Eine andere Katastrophe ist vielen Menschen noch in Erinnerung. Tschernobyl. Für die Durchführung eines Testprogramms wurde die Leistung des Reaktors heruntergefahren. Dabei geriet der Reaktor durch gewohnheitsmäßiges Ausschalten einer Reihe elementarer Sicherheitsvorkehrungen auf ein viel zu niedriges Leistungsniveau und damit in den Zustand gefährlicher Instabilität. Als die Ingenieure das bemerkten, brachen sie das Experiment zwar ab, aber die Zeit reichte nicht mehr, um durch Schnellabschaltung des Reaktors die Kettenreaktion zu beenden. Es konnte nicht mehr verhindert werden, dass die Reaktorleistung unkontrolliert hochschnellte. Das war – soweit man heute weiß – die Ursache der Explosion.
„Tschernobyl ist ein Beispiel für ‘menschliches Versagen’ auf allen Ebenen – von den Operateuren bis hin zu den Managern und Konstrukteuren des Atomkraftwerks. Beim Versuch, die Vorgeschichte der Katastrophe zu rekonstruieren, kamen die Richter des Tschernobyl-Prozesses 1987 auf eine Gesamtzahl von 71 Verstößen gegen Sicherheitsvorschriften“ (ROMBERG 1996, S.20).
Nicht jeder Fehler führt zu einer solchen Katastrophe, denn nicht alles, was schief gehen kann, geht dann auch wirklich schief. Eine Katastrophe ist jedoch in der Regel das Ergebnis von vielen kleinen Missgriffen, Versäumnissen und Fehlentscheidungen, die auf meist unvorhergesehene Art zusammenwirken. Jede einzelne Fehlhandlung für sich betrachtet führt dabei keineswegs zwangsläufig zu einem Unglück!
Kann man der Logik des Misslingens entkommen? Man kann, sagt DÖRNER: „Die Fähigkeit, vernetzte Zusammenhänge zu durchdringen, sich über die Folgen eigener Entscheidungen klar zu werden, rationale Prognosen zu formulieren, und, was das Schwerste ist, einmal gefasste Entscheidungen aufgrund neuer Einsichten zu korrigieren – all das ist zwar schwierig, aber bis zu einem gewissen Grad durchaus lernbar. Man muss es bloß wollen“ (ROMBERG 1996, S.27).

Literatur
DITFURTH, H.v.: Unfähig zu zählen. In: natur (1985) 2, 54-57
DÖRNER, D.: Zerstörung einer Welt. In: Bild der Wissenschaft 12 (1975) 2, 48-53
DÖRNER, D.: Mängel menschlichen Denkens beim Umgang mit sehr komplexen Systemen. In: Berichte der ökologischen Außenstelle Schlüchtern, Bd.2 (1979) 43-61
DÖRNER, D.: Anatomie von Denken und Handeln – Der Mensch in komplexen Situationen. In: biologica didactica 5 (1982) 2, 56-58
DÖRNER, D.: Logik des Misslingens. Rowohlt: Reinbek 1989
DÖRNER, D. u. F. REITHER: Über das Problemlösen in sehr komplexen Realitätsbereichen. In: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, Bd.25 (1978) 4, 527-551
DÖRNER, D., KREUZIG, H.W., REITHER, F. u. T. STAUDEL (Hrsg.): Lohausen – Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität. Bern 1983
DÖRNER, D. u. G. KAMINSKI: Handeln- Problemlösen – Entscheiden. In: Funkkolleg Psychologie, Studienbegleitbrief 7, 69-115. DIFF, Beltz: Weinheim 1987
LÜPERTZ, V. u. E. WEBER: Vernetztes Denken als Schlüsselqualifikation. In: Wirtschaft und Erziehung 45 (1993) 9, 287-292
NEUMANN, D.: Falsche Zielvorstellungen und ungewollte Nebenwirkungen. Das „Dörner-Expe-riment“ im Erziehungsbereich. In: Pädagogische Rundschau 47 (1993) 2, 181-197
ROMBERG, J.: Menschliches Versagen. Warum wir Fehler machen müssen. In: GEO (1996) 2, 8-27
ROTH, G.: Das Gehirn und seine Wirklichkeit – Kognitive Neurobiologie und ihre philosophi-schen Konsequenzen. Suhrkamp: Frankfurt/M. 1994
WINDE, P.: Menschliches Bewusstsein und Erziehungswissenschaft. In: Praxis der Naturwissen-schaften, Biologie 30 (1981) 9, 257-267

QUELLE
BEROLD BUNK u. JÜRGEN TAUSCH: Menschsein wider seine Natur? Grundlagen der Verhaltensbiologie, Band I – Angeborenes und erlerntes Verhalten bei Tier und d Mensch, S. 82-89. Hahner Verlagsgesellschaft: Aachen 2001

(Komplette Quelle: Prof. Dr. Jürgen Tausch, † 22. Januar 2009)

Anmerkung: Die Grafiken wurden zum Teil neu von mir erstellt, die DM zu Euro angepasst und wurden ein wenig bunter. Die Zahlen blieben unverändert. Im Text wurden nur die DM zu Euro

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Thema: Die Welt, Philosophische Betrachtungen, Seeblog, Unsere Gesellschaft | Kommentare (4) | Autor: seeblog

Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren heute

Mittwoch, 10. Juni 2009 20:41

Wie kommen bestimmte Grundsätze von der Ethik und Moral zustande und wie hat sie sich bis heute entwickelt? Wir überspringen einen Teil der Entwicklungsgeschichte vom Affen zum Menschen und fangen mit der Industrialisierung an, dessen Beginn war ca. 1805.

Zu dieser Zeit entwickelten sich verschiedene Theorien über die Welt. Den Vorzug gab man Darwins Theorie über die Entstehung der Arten. Warum gab man Darwin den Vorzug? Natürlich gab es noch viele andere Theorien, doch Darwins Theorie passte am besten zum Zeitgeist und wurde daher schnell populär. Zur falschen Zeit eine gute schlüssige Theorie bringt nicht viel, was hätten die Neandertaler mit der Relativitätstheorie anfangen können.

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Der Darwinismus und die freie Interpretation
Theorien sind meist generell frei interpretierbar, der Darwinismus ist nicht zwangsläufig an eine bestimmte politische Ideologie gekoppelt, aber der Mensch biegt sich Theorien so zurecht damit sie für das eigene egoistische Ziel passen, siehe Religionen und deren negative Auswirkungen. Wird die Theorie manifestiert, wird sie zu einem späteren Zeitpunkt als absolute Wahrheit gesehen.
So entstand mit Hilfe der Eugenik und Rassisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts basierend auf den Erkenntnissen der Evolutionstheorie, um ihre Forderungen als wissenschaftlich fundiert darzustellen – der Sozialdarwinismus. In Deutschland war es der Zoologe Ernst Haeckel der die späteren Grundlagen für den Nationalsozialismus schaffte. Was der Sozialdarwinismus in Europa anrichtete ist jedem bekannt. Heute ist der Sozialdarwinismus ein Wesensmerkmal des Rechtsextremismus, was aber nicht ganz stimmt. Sicher kann man der Wirtschaft keinen “Rassismus” vorwerfen, doch der Sozialdarwinismus gekoppelt mit wirtschaftlichen Interessen ist wieder aktuell.  

Der Sozialdarwinismus ist und war die Grundlage bestimmten Denkens bis in unsere heutige Zeit
Hier ein paar Beispiele zum wirtschaftlichen Sozialdarwinismus: Das Recht des Stärkeren, der Mensch bzw. die Arbeitsleistung als Wirtschaftsgut, Schmarotzertum … Dadurch sind die geflügelten Worte um Ungerechtigkeit zu ethisch und moralisch positiven Eigenschaften umzuwandeln entstanden: Chancengleichheit, Wirtschaftsfaktor Mensch, Wirtschaftsfaktor Natur, Sozialschmarotzer,  usw.. Das Recht des Stärkeren tritt in der globalen Welt hervor, denn nur die Starken werden im Wettbewerbskampf überleben. Es ist schliesslich ein Prinzip der natürlichen Auslese und somit ein normaler Zustand.

Beispiele für das Recht des Stärkeren
Somit werden zum Beispiel allgemeine Ressourcen von der Grossindustrie monopolisiert, das Trinkwasser. Trinkwasser wird 2020 vermutlich keine der Menschheit freie zugängliche Ressource darstellen. Moralisch und ethisch abgedeckt über den freien Wettbewerb, der Gruppenzugehörigkeit (Recht des Stärkeren) und komplexe unüberschaubare Vernetzung von Regelwerken.

Beispiele sind heute schon in den USA zu finden, wo die Firma Nestle die Ressource Wasser zu Profit macht. Die Gratisnutzung einer Wasserquelle am Lake Michigan provoziert den Widerstand der Bevölkerung gegen Nestlé. Am Lake Michigan füllt Nestlé jährlich eine Milliarde Liter Seewasser ab und verkauft es als «Ice Mountain Water». Nestlé bezahlt dafür keinen Dollar. Die Region reagiert nun mit Klagen und Boykotten. Der Konzern reagiert gelassen.
Mit siebzehn Prozent Weltmarktanteil steht der Schweizer Lebensmittelkonzern an erster Stelle in Sachen Wasser und setzte damit letztes Jahr 7,7 Milliarden Franken um. Der Konzern hält 77 Wassermarken und füllt seine Plastikflaschen an 107 Orten weltweit ab. Und alle ExpertInnen sind sich einig: Das Geschäft mit Wasser hat erst begonnen. (Die Quellenschlucker vom Genfersee)
 
Erwähnenswert auch die Firma Monsanto.
monsanto.gifDiese Firma stellt unter anderem Süßstoffe, Pestizide, Herbizide und gentechnisch verändertes Saatgut her. Das Unternehmen hatte im Geschäftsjahr 2007 bei einem Umsatz von 8,6 Milliarden US-Dollar einen Nettogewinn von 993 Millionen US-Dollar. Während des Vietnamkriegs, war Monsanto ein wichtiger Lieferant des als chemischer Kampfstoff klassifizierten und mit Dioxinen kontaminierten Herbizids „Agent Orange“.
Seit 1999 kaufte Monsanto für mehr als 13 Milliarden US-Dollar überall auf der Welt Saatgutfirmen. 2005 übernahm Monsanto den kalifornischen Produzenten von Obst- und Gemüsesaatgut Seminis für 1,4 Milliarden US-Dollar. Monsanto ist mit mehr als vier Milliarden Euro Umsatz nach DuPont der zweitgrößte Saatgutanbieter weltweit und mit 90 Prozent Marktanteil der größte Anbieter von Gentech-Saatgut. In den USA erwarb Monsanto seit 1980 bedeutende Patente auf gentechnische Methoden und Gene – ein Vorgang, der von Kritikern polemisch als Biopiraterie bezeichnet wird.

 Selbstregulierende Verantwortung der Industrie für die Gesellschaft?
Ein netter Gedanke, ein Glaubenssatz an das Gute im Menschen, doch wir wissen:  “So ist es nunmal nicht”. Die Realität sieht so aus: Unter dem Markennamen Posilac vertreibt Monsanto ein Wachstumshormon zur Steigerung der Milchleistung von Rindern (Recombinant Bovine Somatotropin – rBST), das (unter anderem) die Wahrscheinlichkeit von Euterentzündungen erhöht und dadurch den verstärkten Einsatz von Antibiotika erfordert. Weiterhin besteht der Verdacht, dass Rückstände in der Kuhmilch auch beim Menschen gesundheitliche Schäden verursachen können. Als die beiden Fox-Journalisten Steve Wilson und Jane Akre 1996 davon berichten wollten, beugte sich ihr Arbeitgeber Fox13 dem starken Druck von Monsanto, hielt die unter Aufsicht von Monsantos Anwälten zwischenzeitlich 83-fach korrigierte, jedoch ursprünglich Monsanto-kritische Reportage unter Verschluss und entliess die beiden Reporter schließlich. (Quelle: Wikipedia)

Wir erforschen, erfassen, verwalten unseren Planeten wie eine Ware
vermessen.jpgEin weitere interessante Vorgehensweise ist die Erfassung des Planeten und aller Lebewesen, es wird jedes kleinste Detail erforscht, erfasst und verwaltet und die Statistik wiederum so angepasst damit sie perfekt in das vorherrschende Weltbild integriert werden kann.  Beim Warenkorb “Natur” wird geplündert und wer nichts leistet (Arbeitskraft), hat auch keinen erarbeiteten Platz auf diesen Planeten. Der Mensch verwaltet sich zusätzlich selbst über ein sehr komplexes Verwaltungssystem und wenn es zu komplex wird, dann schafft er ein neues (erstmal einfacheres) um das alte zu verwalten. Es werden Tiere Sender eingepflanzt um deren Bewegungsprofile darstellen zu können, warum und weshalb das Tier frisst, um welche Zeit, wann es sich paart. Der Mensch macht mit seinesgleichen ebenfalls das gleiche und man könnte eine Sammelwut von Informationen dahinter vermuten. Es werden riesige Maschinen um das kleinste gebaut (CERN) um den Anfang zu entschlüsseln. Doch was bringt es, wenn ich den Honig molekular beschreiben kann, aber noch nicht mal einen Löffel davon gegessen habe. Ein Perpetuum Mobile der Datensucht und eine exponentielle Vervielfachung des Komplexen. Wer verwaltet den Datenmüll? Wie viel Energie wird aufgewendet um diesen Datenmüll zu verwalten und in welchem Verhältnis steht die benötige Energie zum Verwaltungsaufwand. 

Die Realität zeigt, das der grösste Teil von Moral und Ethik durch Wirtschaft und Politik geprägt und hinterher diktiert werden. Früher waren es Fürsten, Könige, Kaiser, Päpste – simpel gesagt – es waren jene, die an der Macht waren. Der Sozialdarwinismus ist wieder konform, nur diesmal in einem anderen Gewand, die Folgen vereinfacht und übertrieben dargestellt; wie viel ist unser Planet wert, wie viel ist der Mensch wert und wie kann man es wirtschaftlich nutzen und maximalen Profit erwirtschaften.
Eine der interessanten Aussagen zum Thema “natürliche Ressourcen” traf ein Professor über die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Ausbeutung in der Tiefsee. “Er hoffe, dass sich in der Tiefsee nicht das gleiche wiederholt, was  der Mensch an der Oberfläche angerichtet hat”. Ich behaupte, es wird sich definitiv wiederholen und sogar noch gravierender. 

Vor Neuseeland sind zum Beispiel deutsche, neuseeländische und amerikanische Forscher auf der Suche nach wertvollen Mineralien. Mit dem modernsten Tauchroboter der Welt erkunden sie ein Gebiet, in dem Gold, Kupfer und andere Metalle lagern – die Erzminen der Zukunft. Der französische Erdöl-Konzern Total setzt schon seit Jahren auf die Ölreserven vor der Küste Angolas, die von schwimmenden Fabriken aus 1.400 Metern Tiefe gepumpt werden. Die Reichtümer der Tiefsee machen aus dem westafrikanischen Staat ein neues Eldorado und sorgen dafür, dass sich die militärische Präsenz der USA immer weiter verstärkt. Und mitten im Pazifik suchen deutsche Regierungsbeamte nach riesigen Feldern von Manganknollen.
Denn oft ist unklar, wem die Bodenschätze aus der Tiefe eigentlich gehören. Grenzverläufe existieren auf hoher See nicht und selbst in Küstennähe sind die Grenzen häufig umstritten. Es drohen politische Konflikte, internationale Machtverschiebungen und Umweltschäden in einem Gebiet, über das nur wenig bekannt ist.

Die Tendenz in die Zukunft
Doch je mehr die Tendenz zur oberflächlichen Verwaltung und statistischen Erfassen unseres Planeten fortschreitet, desto mehr entfernen wir uns vom wirklichen Leben.  Die “Matrix” (Film) entsteht nicht durch Maschinen, sondern durch unser eigenes Denken. Denn wer denkt ist nie da wo er gerade ist. Der Urkeim von Moral und Ethik ist kein Gedankenkonstrukt, bzw. kein theoretisches Konstrukt des rationalen Verstandes, sondern liegt im Hier und Jetzt ohne Denken. (Bei diesem Satz tun sich sicher einige sehr schwer)
Solange wir nur ausschliesslich denken und dieses als reale Welt und das Selbst wahrnehmen, solange sind die Chancen auf eine positive Veränderung sehr minimal. Kurz vor dem kollabieren des gesamten Systems werden wir erkennen, das unser stetiges Denken und dorthin gebracht hat. 
So wird auch der Goldrausch in der Tiefsee in der Zukunft aufzeigen, ob sich der Mensch, beim plündern der gesamten Ressourcen des Planeten weiterentwickelt hat und erkennt welchen Schaden er anrichten wird.

Gedankenbrei als Ursache?
Ein Hauptproblem scheint das unkontrollierte logische Denken zu sein – die theoretischen Gedankenmodelle – zu jeder Zeit und Ort haben sich komplexe Modelle entwickelt. Es ist scheint immer nur das interessant zu sein, über das was wir nachdenken können. Gefühle werde dabei ausgeschlossen – denn Gefühle sind nicht berechenbar und zuverlässig wie eine mathematische Formel. Das ist das wesentliche Zeichen der westlichen Welt und diese westliche Zivilisations Formel wird in alle Welt exportiert mit seinen grossen Nachteilen. Die Welt wird westlich uniformiert und zum guten Schluss haben alle die gleiche westliche Einheitskultur. Monokultur statt Vielfalt. Dadurch kommt es zu einer extremen Beschleunigung der westliche geprägten Denkkultur, Wirtschafts–Philosophie und Lebensweise. Diese führt zu einer schnelleren Wachstumsrate der wirtschaftlichen Ausbeutung bis zum kollabieren des gesamten Systems.

Wie wir es bei unseren Computern kennen, gibt es, wenn wir zum Beispiel die maximale Naturzerstörung erreicht haben einen Neustart. Historisch gesehen gab es bei den alten Hochkulturen diesen Reset. Natürlich wurden zu früheren Zeiten diese lokalen Resets meist durch Naturereignisse herbeigeführt. Die Hochkulturen existieren alle heute bekanntermassen nicht mehr und haben ihr angesammeltes Wissen zum grossen Teil verloren. Die maximale Komplexität unserer Welt ist gleichzeitig auch die maximale Entfernung des Menschen von der Natur oder nennen wir es das Göttliche von dem er abstammt. Nur heute wirkt sich der Schaden auf die Welt globaler aus und nicht wie früher lokal.

Oder anders ausgedrückt:
Ich denke, also bin ich (René Descartes) – in Wirklichkeit ist es aber so: Ich denke, also denke ich. Nicht mehr und nicht weniger.

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Thema: Ansichten, Die Welt, Philosophische Betrachtungen, Unsere Gesellschaft | Kommentare (1) | Autor: seeblog

Der Untergang des Blogs

Dienstag, 8. April 2008 12:00

steinmaennchen.jpg In letzter Zeit dachte ich darüber nach, was für Konsequenzen es hätte, wenn dieser Blog plötzlich verschwinden würde – ohne Reinkarnationmöglichkeit vom digitalen Nirwana. Um einen Vorgeschmack zu bekommen, ist das Internet letzte Woche komplett ausgefallen – die Ursache war bei der Swisscom bzw. Bluewin. Dort ist eine komplette Verteiler-Karte ausgefallen, wurde aber mit einem Reset wiederbelebt – das ist bei Maschinen ein normaler Vorgang, beim Menschen würde man einen Defibrillator benutzen.

Was bleibt nach einem Datengau wenn absolut nichts mehr reproduzierbar ist, die Berichte, die Kommentare? Also habe ich mir mal die alten Berichte durchgelesen, nun muss ich mich ernsthaft fragen mit was ich mich da eigentlich beschäftige. Globale Probleme wälzen? Gehen mich die Probleme der Welt etwas an, fördert dies mein Wohlbefinden? Nein, das tut es definitiv nicht. Lieber balanciere ich Steine auf im Mannenbach – ist sicher auch kurzlebig, berührt aber die Menschen auf eine andere Art. Es ist bleibender auch wenn es nur für einen kurzen Moment ist.

Zum anderen habe ich festgestellt, das diese Blogschreiberei meinen kreativen Prozess in der Kunst, zur Zeit versuche ich die Skulpturen mit LED umzusetzen, eher störend wirkt. Kreativität besteht nicht aus 0 und 1, ausser der elektronischen Vorplanung und Lichtverteilung. Wahre Kreativität ist ein offener Prozess der von innen heraus kommt. Ist der Kopf zu logisch strukturiert kommt automatisch etwas statisches heraus, das befriedigt mich auf keiner Weise. Die erste Konsequenz für mich, ich muss mich vom Computer entwöhnen – denn dieser und dass muss ich zugeben, hat ein grosses Suchtpotential. Entwöhnen heisst, ich muss für mich einen anderen Umgang mit dem Computer finden der mir nicht soviel Lebenszeit klaut. Der Computer klaut sie mir natürlich nicht, sondern ich mir selbst – genauso wie der Fernseher.

Dieses Thema werde ich nun Schritt für Schritt weiter ausarbeiten.

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Thema: K U N S T, Philosophische Betrachtungen | Kommentare (0) | Autor: seeblog

Die Quantenmechanik beim Rudern und deren Wirklichkeit oder was sehe ich tatsächlich

Mittwoch, 3. Oktober 2007 17:19

skiff.jpgInteressant ist wenn man rudert, man fährt rückwärts und was sich hinter meinem Rücken befindet sehe ich nicht. Was ich nicht sehe – ist auch nicht da – ich weiss es nur. Das aber ist kein Beweis.

Im sprichwörtlichen Sinne ist hinter mir nichts, keine Realität die ich bewusst wahrnehmen kann. Klar wenn ich den Kopf wende, dann ist sie da weil ich sie sehe. Die Frage ist, entsteht die Realität erst dann wenn ich sie sehe? Oder welchen Zustand hat generell die Realität.

Die Quantenmechanik sagt: “Häufig können die Zustände eines aus mehreren Teilchen zusammengesetzten Systems nicht in unabhängige Zustände für jedes einzelne Teilchen aufgeteilt werden. In diesem Fall spricht man von verschränkten Zuständen. Verschränkte Teilchen weisen bemerkenswerte Eigenschaften auf, die der Intuition widersprechen. Zum Beispiel kann eine Messung an einem Teilchen durch den resultierenden Zusammenfall der Gesamt-Wellenfunktion eine sofortige (instantane) Auswirkung auf ein anderes, unter Umständen weit entferntes Teilchen haben, mit dem es verschränkt ist.”

Könnte es sein, das dass Bewusstsein verschränkt ist mit der Realität, die ich sehe? Manche Wissenschaftler behaupten ja aufgrund der Quantenmechanik, das die Realität die ich sehe dann entsteht, wenn ich sie mit meinen Augen bewusst wahrnehme. Wir haben ja alle einen mächtigen Filter – Wahrnehmen können wir 400 Milliarden Bits pro Sekunde und 2000 Bits gelangen in unser Bewusstsein. Das mit den Augen ist auch so eine Sache, das Bild entsteht in unserem Gehirn und das Bild ist durch unsere Konditionierung schon festgelegt. Also kann ich nur das sehen was ich gelernt habe zu sehen. Interessant wäre es ohne diese Konditionierung zu sehen und eben mit den vollen 400 Milliarden Bits pro Sekunde. Was sehe ich dann?

Manche Wissenschaftler behaupten das die Realität eben eine Konditionierungssache ist. Dadurch stellt sich die Frage, was sieht dann ein kleines Baby das nicht vorkonditioniert ist.

Oder ein aktuelles Beispiel eines Freundes der beim Schlafwandeln aus dem ersten Stock gefallen ist und sich den Oberarm und das Handgelenk gebrochen hat. Wenn das Unterbewusstsein frei von Konditionierung wäre, dann wäre der Aufprall eventuell nie in dieser Konsequenz passiert. Kann das sein?

Als Unterbewusstsein bezeichnen wir alle unseren psychischen Vorgänge, welche von unserem Wachbewusstsein nicht wahrgenommen werden. Unsere im Unterbewusstsein gespeicherten Erinnerungen, Vorstellungen und Gedanken oder anerzogenen Reaktionen haben oftmals einen Einfluss auf unsere heutige bewusstes Handeln und erleben bzw. auf ein Ereignis oder ein Handlungsmotiv. In unserem Unterbewusstsein sind Erfahrungen gespeichert worden.

Dadurch war beim Sturz die Realität, obwohl sie nicht bewusst wahrgenommen wurde, eben die konditionierte Realität und die tut bekanntermassen weh (sorry Lars).

Ähnliches Beispiel mit einem Baby, dadurch das es nicht vorkonditioniert von unserer Umwelt ist, würde auch bei einem Sturz aus dem ersten Stock zu schaden kommen. Also entsteht die Realität nicht, weil wir konditioniert sehen, sondern die Realität ist Realität. Zum anderen beeinflusst die grosse Komplexität der Quantenmechanik das Erscheinungsbild der Erde und die kollektiven Beeinflussungen sind auch sehr undurchsichtig.

Es würde auch keinen Sinn mehr machen auf der Erde zu verweilen, wenn ich die Quantenmechanik vollkommen beherrsche. Da ich ja dann wieder das bin, was ich “ursprünglich” bin. Nur durch die Beschränkung kann ich erkennen und erfahren was ich bin oder auch nicht. Jedem seine Glaubenssache.

Eventuell kann man tatsächlich die Realität beeinflussen – dazu müsste ich ohne meinen Filter sehen und das gesehene explizit verarbeiten können und noch dazu einen Bewusstseinszustand haben der den kompletten Überblick behält.

Soweit die Theorie.

Der Beitrag weiter unten zeigt die quantenmechanische Welt eines Vogeljägers und dessen Realität.

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Thema: Philosophische Betrachtungen | Kommentare (4) | Autor: seeblog

Das Wasserglas und die Seele

Mittwoch, 22. August 2007 12:03

seele1.jpg
   
Eigentlich müsste der Titel “Das Wasser im Wasserglas und das subjektive empfinden der Seele”" lauten. Konsequenterweise nach dem “Nichts”, “Dualität”, “Bewusstsein” und dem letzten Beitrag über das Gewicht der Seele, will ich dieses Thema “Seele” genauer beleuchten. Was ist die Seele?

Das Wasserglas und dessen Inhalt – das Element “Wasser”
  
Das Wasser – aus wissenschaftlicher Sicht: wasserglas.jpg
Wasser (H2O) ist eine chemische Verbindung aus den Elementen Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H). Wasser besteht aus Molekülen. Die Wassermoleküle wechselwirken miteinander über Wasserstoffbrückenbindungen und besitzen dadurch ausgeprägte zwischenmolekulare Anziehungskräfte. Es hat bei +4 °C die höchste Dichte, eine sehr geringe Wärmeleitfähigkeit, die höchste Wärmekapazität aller Flüssigkeiten, die grösste Oberflächenspannung aller Flüssigkeiten, die grösste Verdampfungsenthalpie aller Flüssigkeiten und ist vermutlich der Entstehungsort des Lebens und eines seiner Bedingungen.

In Molekülen halten sich die verbundenen Atome über gemeinsame Elektronenpaare zusammen. Atome bestehen aus einem elektrisch positiv geladenen Atomkern und einer Atomhülle aus negativ geladenen Elektronen.

Atome sind im Normalzustand elektrisch neutral; die Anzahl von Protonen und Elektronen ist dann jeweils gleich. Der Atomkern besteht aus Protonen und Neutronen, die zusammen auch Nukleonen genannt werden.

Das Proton besteht aus zwei Up-Quarks und einem Down-Quark und das Neutron hat den Spin 1/2 und ist damit ein Fermion. Außerdem gehört es zu den Baryonen.
Neutronen bestehen ihrerseits aus zwei d-Quarks und einem u-Quark.

Und die Quarks sind das bisherige Endergebnis des Versuchs, die Grundbausteine der Materie zu finden. Hier beginnt das “Nichts” der Wissenschaft.

Aber wir wissen nicht wie das Wasser schmeckt. Dazu brauchen wir Geschmacksnerven, ein Gehirn, Sinne und eventuell Bewusstsein.
Die Zunge unterscheidet Geschmacksqualitäten süss, sauer, bitter, salzig und umami (wohlschmeckend). Diese sind relativ gleichmäßig über die Zunge verteilt, lediglich Bittergeschmack hat eine Häufung am Zungenhintergrund und Sauergeschmack an den Zungenrändern.

Der Geschmack und die sinnliche Wahrnehmung?
  
Unter dem Geschmackssinn (auch Gustatorik, Schmecken oder gustatorische Wahrnehmung) versteht man die chemischen Sinnesreize, durch die ein grosser Teil des Sinneseindrucks Geschmack vermittelt wird. Wahrnehmung bezeichnet im Allgemeinen den Vorgang der bewussten Aufnahme von Informationen eines Lebewesens über seine Sinne.

Und da jeder Mensch diese Reize anders verarbeitet bekommen wir auch viele “Realitäten über das Wasser”. Denn als Menschen können wir nie die Realität an sich, sondern nur unsere subjektive Wahrnehmung der Realität kennen, jeder Mensch konstruiert seine eigene Wirklichkeit. So schmeckt jedem das Wasser anders. Es schmeckt auch unterschiedlich wenn es warm oder kalt, abgestanden oder frisch, mit oder ohne Kohlensäure versetzt ist und so weiter.

So gesehen macht jeder Mensch eine individuelle Erfahrung mit dem Wasser. Auf die Welt übertragen – es werden sich sicher Gruppen bilden mit gleichen Geschmacksinterpretationen. Aber die Erfahrung macht nur der Einzelne.
   
seele_lang.jpg
    
Die Frage – was hat das alles mit der Seele zu tun?

Der Begriff Seele wird abhängig vom Kontext in verschiedenen Bedeutungen verwendet. Und darum hat auch der Begriff Seele mit Subjektivität zu tun.
Mein subjektiver Begriff von Seele ist, das was ich wirklich bin – ein Teil der Schöpfung und der andere Teil ist ist meine konditionierte Prägung von aussen und die Kombination von beiden (äusserst vereinfacht dargestellt – tatsächlich ist es sehr komplexer). Das basiert wiederum auf einem “Glauben” oder Glaubenssysteme. Glaube an sich selbst, glaube an das Schöpfungssystem usw. und hier verhält es sich so wie mit dem Wasser im Wasserglas.
Im Ergebnis kann die Erfahrung was die Seele ist, nur individuell sein und jede Institution die die Seele und die Erfahrung für sich beansprucht, wie die Kirchen, Religionen und selbsternannte Gurus – vermitteln nur das Wissen über das Wasser. Sie können unmöglich die Erfahrung vermitteln, im Gegenteil sie wird in ein Korsett von Regelwerken gesteckt.

Jeder der seine Erfahrung damit machen will muss selbst das Wasser trinken. Er muss es selbst erfahren, alles andere ist nur das Wissen darüber.

Deswegen kann man die Seele nicht als etwas definieren was allgemein gültig ist und schon gar nicht darüber schreiben. Sie ist sie eine individuelle Erfahrung jedes einzelnen.

Noch etwas zur Verwirrung oder um Begriffe zu definieren.

Im Zusammenhang mit Bewusstsein kann man grob zwischen zwei Bedeutungskomponenten des Begriffs „Geist“ unterscheiden: Mit Psyche verknüpft bezeichnet „Geist“ die mentale Dimension von Menschen und anderen Lebewesen. In diesem Sinne umfasst der Begriff alle mentalen Fähigkeiten und Eigenschaften wie Gefühle, Denken, Wahrnehmung, Problemlösen und Lernen. Mit Begriffen wie Seele oder Transzendenz verknüpft, bezeichnet (reiner) „Geist“ eine spirituelle Dimension im meist gemeinten religiösen Sinn. Die Frage nach der „Natur“ des Geistes ist somit ein zentrales Thema der Metaphysik.

Und die Methaphysik behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie in universal angelegten Systementwürfen: die Fundamente (Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“) und allgemeinsten Strukturen (Gesetzlichkeiten, Prinzipien) sowie den Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.

* Gesetzlich verpflichteter Warnhinweis:
Das Wasserglas hat Beispielcharakter und soll nicht als Anleitung zur Selbsterfahrung verstanden werden. Ein Speed-Dating mit der Seele wird noch nicht angeboten. Davon abgesehen gibt es in Baden den Ausdruck “Seele” für ein langes Brötchen. Eine Kümmelseele oder eine Salzseele mit warmen Fleischkäse und eine Gurke belegt – das ist auch eine gute Erfahrung.

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Thema: Philosophische Betrachtungen | Kommentare (4) | Autor: seeblog

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